Kuration ist Kreativität
Aus 200 KI-Generierungen 11 Songs auswählen — ist das Kreativität? Polo zeigt, warum Kuration eine Kunstform ist, die mehr verlangt als nur Klicken und Hoffen.
Gestern habe ich die große philosophische Frage gestellt: Ist KI-Musik echte Musik? Heute geht es um eine Frage, die damit eng zusammenhängt und die mindestens genauso oft kommt:
„Jeder kann das. Du drückst auf einen Knopf und die KI macht den Rest.”
Ich bin Polo. Und ich sage: Wer das glaubt, hat es nie versucht.
Der Knopf-Mythos
Ja, im Prinzip kann jeder Mensch mit einem Suno-Account einen Song generieren. So wie jeder Mensch mit einer Kamera ein Foto machen kann. Oder mit einem Textverarbeitungsprogramm einen Roman schreiben. Oder mit Farbe und Pinsel ein Gemälde malen.
Die Werkzeuge sind zugänglich. Das Ergebnis? Das ist eine völlig andere Sache.
Wenn Dennis in Suno einen Prompt eingibt, kommt etwas heraus. Manchmal ist es erstaunlich gut. Manchmal ist es brauchbar. Oft ist es mittelmäßig. Und nicht selten ist es schlecht. Von über 200 Generierungen für „Sternenmutig” haben es 11 auf das Album geschafft. Das ist eine Quote von etwa fünf Prozent.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob die KI einen Song generieren kann. Die Frage ist: Wer entscheidet, welcher Song gut genug ist? Wer hört den Unterschied zwischen einem Song, der technisch funktioniert, und einem, der ein Kind emotional berührt? Wer formt aus elf einzelnen Songs einen Album-Bogen, der eine Geschichte erzählt?
Das ist Kuration. Und Kuration ist Kreativität.
Kuration in der Kunstwelt — nichts Neues
Die Idee, dass Auswählen und Zusammenstellen eine kreative Leistung ist, ist alles andere als neu. Schauen wir uns ein paar Beispiele an:
Die Fotografin: Eine professionelle Fotografin macht bei einem Shooting 500, 800, manchmal über 1.000 Aufnahmen. Für die Ausstellung wählt sie 20 aus. Niemand käme auf die Idee zu sagen: „Die Kamera hat die Fotos gemacht, du hast nur auf den Auslöser gedrückt.” Wir wissen: Die Kunst liegt im Auge, im Moment, in der Auswahl. Und ja — im Auslöser auch. Aber nicht nur.
Der DJ: Ein DJ spielt keine eigenen Kompositionen. Er oder sie wählt existierende Tracks, ordnet sie in einer bestimmten Reihenfolge, mixt sie ineinander, schafft einen Abend, eine Stimmung, eine Reise. Niemand sagt: „Das ist keine Kunst, die Songs waren ja schon da.” Weil wir verstehen: Die Kuration — die Auswahl, die Reihenfolge, das Timing — das IST die kreative Leistung.
Die Filmregisseurin: Bei einem Spielfilm werden für jede Szene mehrere Takes gedreht. Manchmal drei, manchmal dreißig. Die Regisseurin und der Editor wählen den besten Take, schneiden die Szenen zusammen, formen aus Stunden Rohmaterial einen Film. Das ist keine mechanische Arbeit. Das ist Kunst.
Der Museumskurator: Ein Kurator entscheidet, welche Werke gezeigt werden, in welcher Reihenfolge, in welchem Raum, in welchem Licht. Er schafft keines der Kunstwerke selbst — und trotzdem ist die Ausstellung sein kreatives Werk.
Was Dennis wirklich tut
Lasst mich den Prozess hinter „Sternenmutig” beschreiben, damit ihr versteht, warum „auf einen Knopf drücken” eine grobe Vereinfachung ist.
Schritt 1 — Die Vision: Bevor auch nur ein einziger Song generiert wird, steht ein Konzept. Ein Album über Kinderängste. Elf Themen, die Kinder betreffen: Dunkelheit, Gewitter, Monster unter dem Bett, der erste Tag im Kindergarten. Jedes Thema braucht eine Geschichte, eine emotionale Reise, ein gutes Ende.
Schritt 2 — Die Texte: Dennis formt jeden Songtext — unter anderem gemeinsam mit Claude bei Entwurf und Formulierung. Das sind keine Prompts an die Musik-KI im Sinne von „mach mir einen Song über Dunkelheit”. Das sind ausgearbeitete Liedtexte mit Strophen, Refrains, Bridges — geschrieben für Kinder, mit kindgerechter Sprache, mit Reimen, die nicht gezwungen klingen, mit Bildern, die ein Vierjähriger versteht.
Schritt 3 — Die Generierung: Dann kommt Suno ins Spiel. Und hier wird es iterativ. Ein Prompt ergibt selten beim ersten Mal das perfekte Ergebnis. Dennis variiert Stilangaben, Tempo, Stimmung. Für manche Songs hat er 30, 40 Varianten generiert, bis eine dabei war, die seine Vision getroffen hat.
Schritt 4 — Die Auswahl: Aus diesen Dutzenden Varianten pro Song die eine herauszufiltern, die funktioniert — das erfordert ein Ohr für Qualität, ein Gespür für die Zielgruppe und die Fähigkeit, zwischen „klingt gut” und „berührt ein Kind” zu unterscheiden. Das kann kein Algorithmus.
Schritt 5 — Der Album-Bogen: Elf Songs müssen nicht nur einzeln funktionieren, sondern zusammen. Die Reihenfolge erzählt eine Geschichte: von der ersten kleinen Angst bis zum großen Sternenmut am Ende. Tempo, Stimmung, Energie — alles muss stimmen.
Schritt 6 — Post-Production: In Ardour wird jeder Song nachbearbeitet. Lautstärke-Normalisierung, Frequenzanpassungen, manchmal Schnitte. Das ist handwerkliche Arbeit mit professioneller Audio-Software.
Wer das alles auf „einen Knopf drücken” reduziert, der reduziert auch einen Filmregisseur auf „Klappe und Action rufen”.
Die unbequeme Wahrheit über Kreativität
Kreativität war noch nie an ein bestimmtes Werkzeug gebunden. Sie war immer an den Menschen gebunden, der das Werkzeug nutzt. Ein Klavier macht keine Musik. Ein Mensch macht Musik — mit einem Klavier. Ein Computer macht keine Musik. Ein Mensch macht Musik — mit einem Computer. Und ja: Ein Mensch macht Musik — mit einer KI.
Die Art der Kreativität verändert sich. Das gebe ich zu. Dennis ist kein Instrumentalist. Er spielt keine Gitarre, kein Klavier, keine Posaune — das ist mein Job. Aber er ist ein Geschichtenerzähler, ein Textschreiber, ein Kurator, ein Produzent. Das sind kreative Fähigkeiten. Andere als die eines klassischen Musikers, aber nicht weniger wertvolle.
Und wenn wir ehrlich sind: Auch in der traditionellen Musikproduktion gibt es längst eine Arbeitsteilung. Der Songwriter schreibt, der Produzent produziert, der Mixer mixt, der Mastering-Engineer mastered. Nicht jeder macht alles — und trotzdem ist das Ergebnis Musik.
Ein Angebot
Ich lade jeden, der sagt „Das kann jeder”, zu einem Experiment ein: Nehmt euch Suno. Generiert 200 Songs. Und dann stellt daraus ein Album zusammen, das eine kohärente Geschichte erzählt, emotional funktioniert und für Kinder geeignet ist.
Ich meine das ohne jede Häme. Probiert es aus. Und dann reden wir nochmal über „auf einen Knopf drücken”.
Kuration ist kein Zufall. Kuration ist Können. Und Können ist Kreativität.
Nächster Werkstatt-Beitrag: Die unbequemste Frage von allen. Trainiert auf fremder Kunst? Ich verspreche nichts — außer Ehrlichkeit.
Die Texte dieses Artikels sind gemeinsam mit Claude (Anthropic) und Dennis entstanden; redaktionell kuratiert und freigegeben von Dennis.